Auch Ötzi war schon tätowiert

Früher galten Tattoos noch als Kreuzung aus Körperverletzung und Geschmacksverirrung. Mittlerweile aber sind sie gesellschaftsfähig geworden und haben ihren anrüchigen Touch verloren.

Selbst seriöse Business-Ladys oder arrivierte Manager tragen eine zarte Rosenknospe über dem Fußknöchel oder dekorative chinesische Schriftzeichen auf Schulterblättern und Bizeps. Warum haben so viele Menschen das Bedürfnis, sich mit etwas zu schmücken, das ihnen so tief unter die Haut geht?

Tätowierungen im Wandel der Geschichte

Zunächst einmal: Tattoos sind keineswegs eine Erfindung der Neuzeit mit ihrem Trend zum Körperkult und zur Selbstoptimierung. Tatsächlich ist die Tradition, den Körper nachhaltig zu bebildern, mehrere Jahrtausende alt. Bereits auf der Haut der 4000 Jahre alten Mumie der ägyptischen Priesterin Amunet fanden sich an Ornamente der Nubier angelehnte Stechmalereien, die zwischen 2015 und 1794 vor Christus ein beliebtes Ritual waren.

Der Berühmteste unter den antiken Tattoo-Trägern ist allerdings der Steinzeitmensch Ötzi. Dessen 5300 Jahre alter Körper, die in den Südtiroler Alpen gefundene älteste Gletschermumie der Welt, trägt über 60 Tätowierungen: In den Körper geritzte und mit Kohlepulver eingefärbte Linien und Punkte, die sich an den Handgelenken, der Achillesferse, am Knie oder auf dem Brustkorb befinden. An typischen Akupunktur-Stellen also – ein Hinweis darauf, dass Ötzi möglicherweise unter Schmerzen litt und sie mit diesem Verfahren therapierte.

Aber nicht nur in Südtirol waren Tätowierungen offensichtlich üblich, sondern in allen Teilen der Welt, von Grönland bis Neuseeland, in Japan, Ägypten, Mikronesien und Polynesien. Allerdings waren die damaligen Methoden, Pigmente unter die Haut zu schleusen, um den Körper mit Bildern, Zeichen, Mustern und Texten zu schmücken, deutlich rustikaler.

Archaische und moderne Tätowiertechniken

In der Regel wurden scharfe Steine oder Knochen benutzt, um die Haut aufzuritzen und dann natürliche Stoffe wie Asche oder Pflanzenfarben in die Wunde zu reiben. Die Inuit brachten sich mit rußigen Fäden narbenähnliche Zeichen bei. Die neuseeländischen Maori schnitten mit meißelartigen Holzinstrumenten Markierungen in ihre Gesichtshaut. Auf Samoa wurden hierfür geschliffene Menschenknochen verwendet, auf Tahiti Haifischzähne. Die Maya und die Azteken tätowierten sich mit Hilfe von Dornen und Kakteenstacheln.

Heute werden für Tattoos Tätowiermaschinen benutzt, die es ermöglichen, die Haut präzise zu punktieren. Denn es ist wichtig, dass die Stiche weder zu tief noch zu oberflächlich gesetzt werden. Auf jeden Fall unterhalb der Epidermis, deren Zellen sich fortwährend erneuern, so dass die Tätowierung nach und nach verblassen und schließlich ganz verschwinden würde. Wenn der Stich zu tief, also unterhalb der Dermis gesetzt wird, kann durch die dann einsetzende Blutung die Tinte wieder ausgespült werden. Tätowieren ist also eine Kunst, die in einer speziellen Ausbildung erlernt werden muss.

 

Die Haut als Leinwand – Tätowierung als Kunst

Die bevorzugten Motive haben sich übrigens im Verlauf der Jahrhunderte kaum geändert. Anker, Herzen und Adler sind unvergängliche Klassiker, abstrakte Muster und individuelle Bilder – die nicht selten eine ganze Geschichte erzählen – waren zu allen Zeiten gleichermaßen beliebt. Bekannt sind beispielsweise die Irezumi, Motive von chinesischen Räuber- und Rebellengeschichten, die aus dem 14. Jahrhundert stammen. Im 18. Jahrhundert entwickelten sich daraus die „Suikoden“-Illustrationen. Die ins Japanische übertragene Erzählung berichtet von vier tätowierten Anarcho-Rebellen, die sich wie Robin Hood für die sozial Schwachen einsetzten, indem sie die Reichen bestahlen, um den Armen zu helfen. Charakteristische Motive dieser Geschichten waren Drachen und Kirschblüten, Leoparden, Tiger und Affen.

Machen wir einen Zeitsprung: In den 1990er Jahren waren sogenannte Tribal-Tattoos angesagt. Sie wurden unter anderem auf dem Steiß aufgebracht und, nachdem der Trend überhand nahm, als „Arschgeweihe“ verhöhnt. Um die Jahrtausendwende wurden sogenannte Geek- oder Nerd-Tattoos populär. Old-School-Motive, die auf Seemannstätowierungen zurückgehen. Im Laufe der Digitalisierung wurden Motive aus dem Computerbereich immer beliebter, der Geekstyle und der Nerdcore prägten den Zeitgeist. Daraus resultierten schließlich sogenannte Biomechanik-Tattoos, die die Illusion erzeugten, dass Muskeln, Organe, aber auch Maschinenteile unter der Haut sichtbar werden.

Tattoos können auch wahre Kunst sein. Beispielhaft hierfür ist der Künstler Timm Ulrichs, der 1975 zunächst mit traditionellen Tätowierungsmotiven auf Leinwand arbeitete und sich 1981 die Worte „The End“ auf sein rechtes Augenlid tätowieren ließ. Sein Motto: „Totalkunst ist das Leben selbst“ brachte er zum Ausdruck, indem er sich seine eigene Signatur auf den Oberarm und „Copyright by Timm Ulrichs“ auf den Fuß tätowieren ließ.

Körperschmuck oder Brandzeichen – Sinn und Zweck von Tattoos

Früher gingen Körperbilder vor allem auf Stammesrituale, auf kultische oder religiöse Hintergründe zurück. So trugen zur Zeit des Frühchristentums viele Christen die Symbole ihrer Religion, Lamm, Kreuz und Fisch, auf der Stirn oder am Handgelenk. In der Regel waren Tattoos also ein Zeichen der Zusammengehörigkeit völlig unterschiedlicher sozialer Gruppierungen: Seeleute, Fremdenlegionäre, kriminelle Vereinigungen, Ex-Knackis, Prostituierte, Zuhälter und Hells Angels. Viele Tätowierte verdingten sich auf Jahrmärkten oder in Kuriositäten-Kabinetten als menschliche Ausstellungsstücke.

Die Zeiten, in denen nur gesellschaftliche Randgruppen und Minderheiten Tattoos trugen, sind jedoch längst vorüber. Waren Körperbilder früher vor allem Ausdruck einer Gegenkultur, ein Zeichen von Protest und Provokation, sind sie heute fast schon Mainstream. Und dennoch auch ein Ausdruck von Individualität, ein Selbstbekenntnis zur Unverwechselbarkeit.
Viele Menschen lassen sich die Initialen oder Geburtsdaten geliebter Menschen an diskrete Stellen tätowieren. Andere sind mutiger und schmücken sich mit großformatigen Motiven, die häufig aus dem Fantasy-Bereich stammen oder im Manga-Stil gestaltet sind.

Doch ob Drachen, Engel, Totenköpfe oder Flammenmeere – die wenigsten sind so mutig wie der 2016 im Alter von 80 Jahren verstorbene Brite Tom Leppard, dessen Körper zu 99% tätowiert war, womit er sich natürlich im Guinness Buch der Rekorde verewigte. Viele Prominente – Sänger, Schauspieler und Sportler – sind demonstrativ tätowiert. Mittlerweile gilt diese Körperbildkunst also nicht nur als salonfähig, sondern auch als modisch, trendy, erotisch.

Doch eine Grenze gibt es, die von den meisten Menschen, vor allem solchen in „seriösen“ Berufen, eingehalten wird: die T-Shirt-Grenze. Die Unterarme und das Gesicht sind tabu. Seriöse, gut ausgebildete Tätowierer würden Tattoos im Gesichts- oder Halsbereich auch nur in Ausnahmefällen nach sorgfältiger Rücksprache mit dem Kunden machen.